Periode bei Menschen mit Behinderung

mit Autorin Laura Gehlhaar

Periode und Behinderung

Was hat ein Tampon mit einem Rollstuhl zu tun? Viele Frauen menstruieren einmal im Monat für etwa 40 Jahre ihres Lebens und natürlich haben auch Frauen* mit Behinderung ihre Periode.
Periode und Behinderung Laura Gehlhaar

Menstruation, mit allem was dazu gehört, ist  heute leider noch immer ein Tabuthema. Ebenso wie das Thema Behinderung und die Rechte von Menschen auf Barrierefreiheit. Das ist nur eine der vielen spannenden Gemeinsamkeiten der beiden Themen. Wir haben darüber mit der Autorin Laura Gehlhaar, einer Frau die auf einen Rollstuhl angewiesen ist, über Barrierefreiheit auf Toiletten, die Pille, ihre erste Periode und Tampons gesprochen. Fotocredit: Marco Ruhlig 

Periode und Behinderung Laura Gehlhaar

Barrierefreie Praxis bei der Frauenärztin?!

Der hohe, gynäkologische Stuhl in gewöhnlichen Praxen ist für Frauen mit Körperbehinderung wie einer Querschnittslähmung eine große Barriere. Hat eine Praxis keinen Aufzug neben den Stufen, scheidet sie für Menschen, die einen Rollstuhl verwenden auch aus. Leider sind Menschen mit Behinderungen oft auf das persönliche Engagement der Ärzt*innen für Barrierefreiheit angewiesen. Das ist ein Skandal, denn es ist ihr gutes Recht, eine Frauenärztin zu besuchen. Es kann z.B. auch dazu führen, dass wichtige Vorsorgeuntersuchungen nicht gemacht werden und Krankheiten später oder gar nicht erkannt werden.

UN-Behindertenrechtskonvention

In der 2006 verabschiedeten UN-Behindertenrechtskonvention steht, dass Menschen mit Behinderung, genau wie Nicht-Behinderte, ein Recht auf Zugang zur medizinischen Versorgung haben. Sie dient deswegen als Grundlage für die Arbeit an einer gleichberechtigten Zukunft.

„Menschen mit Menstruationshintergrund: Vereinigt euch!"

- Marion B.
Erst
in den 90er Jahren

wurde der Begriff »Behinderung« von der WHO eingeführt.

Was bedeutet eigentlich Behinderung?

Bei den unterschiedlichen Definitionen die derzeit im Umlauf sind, kann groß zwischen medizinischen und sozialen Modellen unterschieden werden. Je nachdem wird eine Behinderung durch Kriterien von medizinischer Beeinträchtigung oder der Auswirkung auf eine gesellschaftliche Teilhabe definiert. Sinnvoll ist es natürlich, beide Aspekte mit einzubeziehen: Es ist relevant in welchem körperlichen oder geistigen Zustand sich ein Mensch befindet, aber noch wichtiger, wie er durch Barrieren in seinem Leben behindert wird.

Nicht vergessen: Kategorien wie z.B. das heutige rechtliche Verständnis von »Behinderung« sind natürlich immer eine Vereinfachung der Lebensrealität von ganz individuellen Menschen. Klare Benennungen können aber wichtig und hilfreich dafür sein, die Welt gerechter zu gestalten.

frau mit bio tampons
- Bettina von der erdbeerwoche
Mein Tipp

Es ist immer wieder wichtig, auf das Thema Periode aufmerksam zu machen. Viel zu oft wird dieses Thema vergessen. Auch du kannst in deinem Umfeld einen wichtigen Beitrag leisten.

Benachteiligung durch die Periode

Vielleicht hast du es selbst schon mal erlebt: Es gibt keine Mülleimer für deine Binde auf der Toilette oder kein Waschbecken in dem du deine Menstruationstasse auswaschen kannst. Die Menstruation bringt durchaus Diskriminierung und Benachteiligungen mit sich. Diese können physischer, finanzieller oder anderer Art sein. Zum Beispiel ist die hohe Besteuerung – die sogenannte Tamponsteuer – von Periodenprodukten nach wie vor weit verbreitet. 

Die Menstruation kann für Menschen mit Behinderung oder jene, die unter Diskriminierungen leiden, eine zusätzliche Belastung sein. 

Körper sind unterschiedlich – get over it!

Menstruierende Menschen werden genauso wie behinderte Menschen oftmals als Abweichung von der gesellschaftlichen Norm gesehen. Diese Diskriminierung wird an vielen Orten sichtbar. Zum Beispiel durch

  • schlechte Infrastruktur wie mangelnde Barrierefreiheit oder Mangel an Entsorgungsmöglichkeiten auf Toiletten
  • ungerechte Steuersysteme wie die Tamponsteuer
  • Mangel an Interessensvertretung und Repräsentation im öffentlichen Leben,
  • Stigmatisierung und Abwertung 
  • fehlende Aufklärung
  • fehlende Gesetze für Gleichberechtigung

    Fotocredit: Marco Ruhlig
     
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Barrierefreie Periode? ein Gespräch mit Laura Gehlhaar

Wir haben mit Laura Gehlhaar – Autorin und Beraterin für Inklusion, Barrierefreiheit und Rechten von behinderten Menschen darüber gesprochen, wie es ihr mit dem Thema Menstruation und Behinderung geht.

Kannst du dich an deine erste Periode erinnern?

Ja, ich kann mich noch sehr gut an meine erste Periode erinnern. Nicht mehr an das Jahr, aber an den Tag. Das war nämlich der Geburtstag von Robbie Williams, der 13. Februar. So unangenehm es mir war, zum ersten Mal meine Periode zu bekommen, umso glücklicher war ich, dass ich scheinbar für Robbie Williams bestimmt bin und er für mich, da ich an seinem Geburtstag meine Periode bekam.

Wie geht es dir mit dem Thema Periode heute?

Ich habe früher relativ starke Regelschmerzen gehabt und dann auch recht schnell die Pille verschrieben bekommen. Danach war das okay mit den Regelschmerzen. Ich habe sie (Anm.: die von der Pille verursachte Abbruchsblutung) dann natürlich auch sehr pünktlich bekommen, aber ich habe nach fünf Jahren Pille gemerkt, dass es mir psychisch einfach nicht gut ging damit und habe sie dann mit ca. 22 Jahren abgesetzt. Ich merkte, wie ein grauer Schleier sich löste und ich auf einmal viel klarer sah, roch und hörte und sich dadurch auch meine Stimmung aufhellte. Ich habe seitdem nie mehr die Pille genommen. 

Ich bin jetzt 38 Jahre alt und bekomme meine Periode sehr regelmäßig. Ich weiß, dass es mir ein/ zwei Tage bevor ich sie bekomme mental nicht gut geht. Ich weiß dann aber auch, woran das liegt und nehme das an und weiß ab dem Tag, wo meine Periode kommt, ist das alles weg. Dann nehme ich vielleicht einmal im Monat eine Schmerztablette für den ersten Tag, weil ich immer noch Unterleibsschmerzen bekomme und ich mir denke, dass ich das auch nicht aushalten muss und es okay ist, wenn ich eine Schmerztablette nehme und dann geht es mir sehr gut.

Was sollte die Welt über Menschen mit Menstruation deiner Meinung nach wissen?

Generell sollten Menschen einfach verstehen, dass Körper unterschiedlich sind und unterschiedlich funktionieren. Für mich hingen immer schon negative Aspekte an meiner Periode dran. Und wenn man damit groß wird, glaubt man ja das auch irgendwann mal selber. Dann fühlt man sich selber unwohl, wenn man die Tage hat. Man fühlt sich nicht „rein“ oder „sauber“. Und ich finde es sehr schwierig, mich davon zu lösen. Dieser Prozess dauert auch bis heute an. 

Ich denke, dass Männer mir in meinem Leben immer signalisiert haben, dass es negativ, ekelhaft, unsauber oder nervig ist, wenn ich meine Periode hatte. Da hätte ich mir wirklich einen anderen Umgang gewünscht – jenen, den mein Mann heute damit hat, der mir zeigt, dass man sehr natürlich damit umgehen kann. Deshalb: Natürlichkeit und Respekt, das sollten sich die Menschen einbläuen, die noch nie in ihrem Leben geblutet haben!

Wie ist es für dich, eine Frau zu sein mit einer körperlichen Behinderung?

Klar wurde ich aufgeklärt, wie jedes andere Mädchen, wie jede andere junge Frau, die zum ersten Mal bei der Frauenärztin oder beim Frauenarzt sitzt. Bei mir war das unterschiedlich in der Hinsicht, dass ich nie in einer barrierefreien Praxis war. Ich konnte in meiner Jugend auch noch Treppen laufen, aber das kann ich seit ein paar Jahren nicht mehr und ich bin seitdem auf eine barrierefreie Praxis angewiesen. Nicht nur der Zugang muss barrierefrei sein, sondern auch die Untersuchungsstühle.

Ich bin jetzt seit 12 Jahren in Berlin und es hat mich viel Zeit gekostet, bis ich eine Praxis gefunden habe, die nicht nur einen barrierefreien Zugang hat, sondern auch einen elektrisch verstellbaren Untersuchungsstuhl.

Wenn der Frauenarztbesuch zum Hindernis wird

Ich weiß von Freundinnen, die ebenfalls eine körperliche Behinderung haben und auch auf Barrierefreiheit angewiesen sind, dass diese entweder noch nie oder vielleicht einmal in der Jugend bei einer Frauenärztin oder einem Frauenarzt waren. Und manche haben wir erzählt, dass sie einfach, seitdem sie die Periode bekommen, die Pille durchgehend nehmen, um zu vermeiden, dass sie ihre Periode bekommen. Und so eben auch Frauenarztbesuche zu vermeiden. 

Ich finde das traurig und es macht mich unglaublich wütend, denn Frauen mit Behinderung und Menschen mit Behinderung müssen sowieso immer gegen dieses Stigma kämpfen, nicht geschlechtsneutral zu sein. Frauen mit Behinderungen müssen sich immer für ihre Sexualität rechtfertigen, Männer mit Behinderung natürlich auch.

fehlende Aufklärung und Ausbildung zum Thema Menstruation und Behinderung bei ÄrztInnen

Ich kenne das von mir, wenn ich in meiner damaligen Frauenarztpraxis meinen Kinderwunsch geäußert habe, da ist meine Frauenärztin fast vor mir zusammengebrochen. Also sie hat mir davon abgeraten, anstatt mit mir zusammen zu überlegen, wie man das machen könnte, was es für Wege gibt… Diese Besuche bei der gynäkologischen Untersuchung bringen immer die Notwendigkeit einer Rechtfertigung mit sich. Entweder dieser Besuch findet aufgrund fehlender Barrierefreiheit gar nicht statt oder wenn man eben dort ist, muss man sich für sich und seinen Körper rechtfertigen. Manchmal vielleicht auch schämen und nicht wohlfühlen mit der eigenen Sexualität, Periode etc., weil man dort Menschen vor sich sitzen hat, Ärztinnen und Ärzte, die ja eigentlich studierte Menschen sind, die aber in ihrer Ausbildung überhaupt nicht das Thema Behinderungen behandeln und deshalb auf diesem Gebiet völlig überfordert sind mit Menschen wie uns. 

Man stellt sich vor, dass der Termin bei einer Gynäkologin oder einem Gynäkologen nicht der angenehmste ist und wenn man dann auch noch Ängste und Unsicherheiten von den Ärzten nehmen muss, dann ist es doppelt schwer und wirft doppelte Barrieren auf. Das ist jedes Mal ein Kampf, sich dort hinzusetzen und mit der Frauenärztin darüber sprechen zu müssen, wie ich einen Kinderwunsch realisieren kann oder welche Verhütungsmethoden es gibt.

Ich möchte, dass Ärztinnen und Ärzte natürlich und respektvoll auf meine Wünsche und Bedürfnisse reagieren – das fehlt oft. Es ist mir ein Anliegen, auf die fehlende Barrierefreiheit und die sexuelle Entfaltung der behinderten Frau aufmerksam zu machen.

Wie geht es dir mit der Barrierefreiheit in Toiletten etc., wenn du deine Periode hast?

Es ist generell schwierig, barrierefreie Toiletten zu finden, weil vor allem die Privatwirtschaft in Deutschland nicht zu Barrierefreiheit verpflichtet ist. Wenn ich in ein Restaurant oder eine Bar gehe, muss ich vorher abchecken, ob ich dort überhaupt auf die Toilette gehen kann. Das ist immer ein Problem und wenn ich mal meine Periode habe, ist das nochmal ein größeres Problem, weil ich sehr auf meine Hygiene achten muss. 

Stell dir vor, ich kann nicht im Stehen bzw. in der Hocke pinkeln, wie es viele nicht-behinderte Frauen tun können. Ich muss vorher mit einer ganzen Putzkolonne in öffentliche Toiletten reingehen, und erstmal alles desinfizieren, damit ich mir einen gewissen Hygiene-Standard sichern kann. Und wenn ich meine Periode habe, habe ich immer ein sogenanntes Perioden-Kit mit, wo Tampons, Feuchttücher, Desinfektionsspray drinnen sind und dann geht das schon irgendwie klar. 

Um es zusammenzufassen: Man braucht viel Organisation, damit man seiner natürlichen Körperlichkeit und Bedürfnisse gerecht werden kann und einigermaßen sauber und frisch den Abend genießen kann, wenn man unterwegs ist.

Welche Perioden-Produkte verwendest du gerne?

Ich benutze tatsächlich ausschließlich Tampons. Ich komme mit Tampons auch alleine deswegen am besten klar, weil ich keine Unterwäsche trage, generell nicht, wo ich eine Einlage rein geben könnte. Ich trage einfach keine Unterwäsche, weil das für mich als rollstuhlsitzende Frau viel angenehmer ist. So wenig wie möglich da unten anzuhaben, wie es geht. 

Deshalb komme ich mit Tampons sehr gut zurecht und ich kann auch sehr gut einschätzen, wie viele Tampons und welche Arten von Tampons ich brauche an welchen Periodentagen und ich habe wirklich nur an einem, vielleicht noch an zwei Tagen eine starke Periode und das ist dann wirklich nur ein Rest und dann brauche ich nichts mehr.

Tampon vs. Menstruationstasse

Ich hatte auch einmal an eine Menstruationstasse gedacht, aber ich kann sie, wegen meiner nicht so guten Fingerkraft, einfach nicht einführen.  Deshalb muss ich überlegen, wie auch in vielen anderen Lebenssituationen, inwieweit ich mein Umweltbewusstsein umsetzen beziehungsweise mit meiner Behinderung vereinbaren kann. Das ist generell eine Fragestellung, die sich durch mein Leben zieht. Und wenn ich an meine Periode denke, dann ist das Tampon das sicherste und komfortabelste Mittel, das ich selbständig einsetzen kann.

Hast du einen Wunsch an die Menstruations-Zukunft?

Ich würde mich gerne darauf beziehen, dass wir endlich verstehen und vor allem auch akzeptieren müssen, dass behinderte Menschen menstruieren können. Wir müssen Strukturen schaffen, wie wir damit umgehen können und ich denke da an medizinische Ausbildungen. Dass man dort das Thema Behinderungen immer mit einbezieht. Vor allem auch gynäkologische Ausbildungen und Studien, dass man dort auch behinderte Menschen mit Menstruation mit einbezieht und zu einem festen Bestandteil der Ausbildung macht. 

Denn es ist nun einmal Fakt, dass Bedürfnisse von behinderten Frauen sehr unterschiedlich sein können, aber eben sich auch überhaupt nicht unterscheiden müssen von nicht behinderten Frauen und da schließe ich den Kinderwunsch mit ein oder den Wunsch nach sexueller Entfaltung. Ein großes Problem sind auch Behinderteneinrichtungen, wo Sexualität und Menstruation von behinderten Frauen oftmals strukturell unterdrückt werden. 

Ich habe selbst sehr viele Praktika gemacht in solchen Einrichtungen während und vor meines Studiums und habe da immer wieder beobachtet, wie die Pille einfach unter das Essen gesteckt wurde, bei Frauen mit Down Syndrom oder kognitiven oder körperlichen Behinderungen etc. Wo Sexualitäten unterdrückt werden, wo nicht aufgeklärt wurde, wo eben auch mit der Periode, aber auch der Fruchtbarkeit, die damit einhergeht, nicht umgegangen wird. 

Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass Frauen in solchen Einrichtungen starke Diskriminierung und Misshandlungen erfahren, was ihre Körperlichkeit angeht, was ihre Sexualität angeht. Und da würde ich gerne viel mehr Aufmerksamkeit drauf zu lenken.

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Quellen und weiterführende Links:

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